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Sense im Kopf
Den Anfang meiner Sensen-Geschichte dürfte ein Dorffest 2015 in Sauerlandnähe gemacht haben. Dort wurde in natura u.a. die Geschichte der Getreideernte gezeigt: Zuerst wurde handgriffweise gesichelt, dann mit der Sense gemäht und umgelegt, dann kamen schon erste mechanische Balkenmäher, die allerdings noch von Pferden gezogen wurden, die widerrum wurden vom pötternden Lanz Bulldog abgelöst bis die ersten, wenn auch noch im Vergleich zu heute niedlichen, Mähdrescher aufkamen.
Zu dieser Zeit durchlebte ich im Kopf eine Veränderung. War der Naturschutz schon als Kind ein Thema bei mir, kam nun langsam der Begriff der Nachhaltigkeit in Mode. Nach und nach wurde das Bad plastikfreier, dann die Küche und ich überlegte mir immer mehr Alternativen zum „einfach in den Laden gehen und zugreifen“. Eine gute Möglichkeit dafür ist sich selbst zu fragen: Wie haben das eigentlich Oma und Opa oder deren Eltern früher gemacht? Opa hatte keinen Rasierer mit teuren Wechselklingen, die er aus einer Hartplastikhalterung zog, die in einer Kunststoffverpackung im Laden hing. Er hatte einen Doppelklingenrasierer und einen Rasierpinsel. Oma benutzte im Treppenhaus nie einen Mob mit Polyesterstreifen, den sie zum Auswringen einen Kunststoffeimer drückte, in dem sich eine Plastikvorrichtung drehte. Sie hatte einen Schrubber, einen Blecheimer und einen Baumwolllappen.
Die Sense braucht noch etwas
Ich wohnte zu der Zeit zur Miete und hatte keinen eigenen Garten. Das änderte sich plötzlich ein bisschen. Durch den Nachaltigkeitsboom schlidderte ich auch in den Selbstversorgergedanken und die dazugehörige YouTube-Bubble. Hatte ich bisher zwar mit dem Gärtnern nur wenig am Hut, so beschäftigte ich mich fortan mit Anzucht, ausgeizen, Ernte und Haltbarmachung. Auch hier konnte ich nachhaltig denken: F1-Hybride machen Firmen reich, samenfestes Saatgut ist die Alternative. So kam ich 2020 auch zum VEN e.V. dessen 2. Vorsitzender ich mal werden sollte.
Parallel musste ich natürlich das angezogene Gemüse irgendwo in die Erde bringen. Einen Garten gab es am Haus, der wurde seit Jahrzehnten von einem der Mieter bewirtschaftet. Ich durfte mich einbringen und so entstanden bald Hochbeete, ein zweites Gewächshaus und weitere Beetflächen. Doch auf gut 1000 Quadratmetern wurde regelmäßig stundenlang mit dem Benzinmäher gemäht, um den englischen Rasen zu erhalten.
Vom plastikfreien Rasierpinsel ging es gedanklich über das samenfeste Gemüse irgendwann zur Biodiversität, zum Artenschutz und wie man selbst etwas dafür tun kann. Nach dem Veröffentlichen der Krefeldstudie bekam dieses Thema viel Aufmerksamkeit, so auch von mir. Ich hatte die Idee, den Bienen zu helfen, also schaute ich im Baumarkt und fand die Lösung! Der Bienenfreund, also Phazelia. Ich durfte neun (9!) Quadratmeter des Rasens in ein Insektenparadies verwandeln, die Phazelia blühte, es summte und brummte! Die Honigbienen freuten sich und die Erdhummeln schwangen sich von Blüte zu Blüte. Naja, auch in dieses Thema arbeitete ich mich etwas mehr ein und sah bald ein, dass ich mit der Phazelia nun doch nicht die eine Lösung zum Stoppen des Insektensterbens gefunden hatte. Da gab es noch ein, zwei weitere Faktoren zu beachten und ein, zwei weitere Insektenarten, denen es zu halfen galt und immer noch gilt.
Die Sensen-Geschichte wird greifbar
Ende 2020 kaufte ich das Haus samt Garten. Bis dahin hatte ich mich natürlich weiter belesen und beguckt. Die neun Quadratmeter waren langsam auf 30 angewachsen und statt Phazelia wuchs dort nun eine regionale Mischung einheimischer Wildpflanzen. Aufgrund meiner Vergangenheit suchte ich natürlich Alternativen zum Rasenmäher. Denn ich selbst hatte keine Lust, alle zwei, drei Wochen benzinverbrennend durch den Garten zu laufen, das Gras kurz zu halten und dabei einen toten Streifen grün zu hinterlassen. Was waren die Alternativen? Wachsen lassen. Ok. Und dann? Die Lösung, die ich bis dahin öfter gesehen hatte war ein Einachser mit Balkenmäher. Der mähte viel schonender, funktionierte allerdings auch mit Benzin. Das überzeugte mich nicht.
Auf dem Weg zum Einkaufen passierte es dann. Ich fuhr durch ein Dorf. Kurz vor dem Ortsausgang stand ein älterer Herr auf dem Grünstreifen zwischen seinem Grundstückszaun und der Straße, dem sogenannten Straßenbegleitgrün. Er hatte eine Sense in der Hand und bewegte sie in gleichmäßigen Bewegungen über den Boden. Mehr konnte ich nicht sehen, denn da war ich auch schon wieder vorbeigefahren. Auf dem Rückweg dachte ich immer noch darüber nach und als ich wieder an dem Haus vorbei kam, da stand dort der Mann, stützte sich auf seine Sense und betrachtete sein Werk. Es ist überhaupt nicht meine Art, aber ich hielt an. Ich fragte den Mann zu der Sense aus und wieso er damit mäht und ob das auf so einem kleinen Stück praktisch ist und und und. Letztlich verabredeten wir uns und der älterer Herr zeigte mir, wie man mit der Sense umgeht, wie man mäht, wetzt und dengelt.
So lernte ich mit der Sense umzugehen, allerdings konnte mir mein Sensenlehrer nicht sagen, wo ich heutzutage eine Sense herbekommen könnte. Meine erste Sense bekam ich dann von einer Arbeitskollegin. Ihre Eltern hatten noch Landwirtschaft im Nebenerwerb und eine alte Metallsense übrig. Doch die überzeugte mich nicht sehr, ich war bereits verwöhnt von der Sense meines Lehrers. Letztlich wurde ich im Internet fündig und schon bald zog eine ordentliche Sense mit Holzbaum bei mir ein.
Heute
Seit 2021 mähe ich meinen Rasen, meine Wiese mit der Sense. Immer zeitversetzt, so dass die Tiere von der gemähten Fläche zu einer ungemähten wechseln können.
Zugegeben, das Dengeln mit Hammer und Amboss konnte mich nicht überzeugen, bzw. konnte ich mein Übungssensenblatt und den Hammer nicht von meinen Dengelkünsten überzeugen und so suchte und fand ich bald den Schlagdengelapparat im Netz.
Im Winter 2023/24 erfuhr ich, dass der ältere Herr gestorben war. Ich kann zwar nicht sein ganzes Sensenwissen weitergeben und hier transportieren, aber ich kann es versuchen. Denn erstens gehört er zu meiner Sensen-Geschichte und außerdem lohnt es sich für jeden, der sich dem Thema annimmt.
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