Als Hobbyfotograf hat sich über die Zeit das ein oder andere Technikteil zu mir verirrt. Als ich eine C-Falter-Puppe im Garten entdeckte, witterte ich die Gelegenheit, diese Technik mal wieder zum Einsatz zu bringen und den Schlupf eines C-Falters zu dokumentieren. Doch sollte mir das trotz gründlicher Vorbereitung gelingen?

Die Wand

Ich war gerade dabei, im hintersten Eck des Gartens etwas Ordnung zu machen. Mit der Kettensäge erklärte ich einem der letzten Thuja-Sträucher, dass Liegen bequemer ist als Stehen. Als ich die Säge für eine Pause ablegte, sah ich im Augenwinkel an der Laubenwand einen senkrechten, schwarzen Strich. Bei näherer Betrachtung wurde aus dem Strich eine Schmetterlings-Raupe, die eines C-Falters (Polygonia c-album). Doch sie kroch nicht einfach an der Laubenwand herum, sondern krümmte sich um unteren Ende. Da erkannte ich auch, dass sie sich am oberen Ende mit einem weißen Punkt an der Wand „angeklebt“ hatte. Dieser weiße Punkt ist ein Spinnpolster welches sich die Raupe spinnt und sich dann mit Borsten am Hinterleib, dem sogenannten Kremaster, in das Polster einhakt. Die Raupe hängt dann quasi am Abgrund wie ein Mensch beim Wallrunning vor dem Auslösen.

Die Verpuffung beginnt: Die Raupe ist noch als solche erkennbar, hat sich aber oben am Untergrund angeheftet und beginnt sich unten zu krümmen.

Da hängt sie, die Raupe. Oben ist das Spinnpolster, also der Haltepunkt der Raupe am Untergrund, gut zu erkennen.
Unten krümmt sich die Raupe. Die Verpuppung beginnt.

Mit Puppen spielt man nicht

Die Verpuppung beginnt also und damit die Metamorphose von der Raupe zum fertigen Falter. Warum es manchmal Falter heißt und manchmal Schmetterling, habe ich hier erklärt.
Die dunkle Raupe beginnt auf dem Rücken sichtbar heller zu werden und sie rollt sich immer weiter ein.

Am nächsten Morgen sehe ich nur noch die helle, beige Puppe an der Wand hängen. Hier hängt sie natürlich gefährlich exponiert für Vögel oder andere Räuber, hebt sie sich doch noch recht gut von der grauen Laubenwand ab. Im Idealfall verpuppt sich der Schmetterling an Ästen, bzw. Rinde, dort würde sich die Puppe viel weniger bis gar nicht vom Hintergrund abheben und getarnt sein (Mimese).

Der Start der Verpuffung ist gut zu erkennen: Auf dem Rücken beginnt die eigentlich schwarze Puppe beige zu werden.

Gut zu erkennen: Die eigentlich überwiegend schwarze Raupe beginnt am Rücken beige zu werden und krümmt sich unter weiter ein.

Ich frage mich, wie lange die Verpuppung dauert und der fertige Schmetterling ans Tageslicht kommt. Und wie lange dauert der Prozess des Schlüpfens selbst? Sekunden? Minuten? Stunden?
Ich recherchiere. Die Verpuppung dauert etwa 10-14 Tage wenn es entsprechend warm ist, bei kühlerem Wetter auch mal drei Wochen. Das Schlüpfen selbst dauert wohl nur ein paar Sekunden bis Minuten. Ob ich diesen Zeitpunkt erwische und den ganzen Prozess mit der Kamera einfangen kann? Oder passiert das in der Nacht? Ich suche weiter und zum Schluss habe ich ein paar sehr interessante Daten zusammen gesammelt, die mich ganz zuversichtlich stimmen:

1. Die Verpuppung dauert – wie schon geschrieben – 10-14 Tage, bei kaltem Wetter auch länger. Das ist natürlich recht unpräzise.

2. Einen Tag vor dem Schlüpfen wird die Puppe dunkel und dann durchsichtig und man soll den „fertigen“ Falter bereits erkennen können. Das ist natürlich Gold wert, denn so weiß ich, wann ich mit der Kamera und dem restlichen Equipment wie Licht, Stativ etc. an der Stelle im Garten am Start sein muss.

3. Ein Falter schlüpft im Durchschnitt zwischen 7 und 11 Uhr morgens, da dann die Sonne rauskommt und dem Falter hilft zu trocknen und sich zu entfalten.

Somit hat sich also der mögliche Ereigniszeitraum von über einer Woche auf vier Stunden verkürzt! Damit kann ich doch arbeiten! Außerdem werde ich einen Tag vorher auch noch darauf vorbereitet, perfekt.

Die Puppe fertig verpuppt

Am Tag nach der Entdeckung der Raupe sah die Puppe so aus: komplette beige-braun, wie ein vertrocknetes Blatt. Die Puppe ist eingeschnürt und trägt einen Höcker.

Alles kommt zu dem von selbst, der warten kann

Am nächsten Tag hatte sich die Raupe komplett verpuppt. Die Puppe ist sehr charakteristisch geformt und ich frage mich, ob dieses eingeschnürte Päckchen auch zu der charakterischen Flügelform beiträgt, aufgrund derer der Schmetterling auch seinen Gattungsnamen Polygonia bekommen hat.

Nun vergehen die Tage, an denen sich für mich als Beobachter nichts verändert, doch für den werdenden Falter innerhalb der schützenden Hülle alles: Die Metamorphose beginnt und aus der kriechenden, fast schwarzen Raupe wird ein fliegendes, orange schillerndes Insekt. Jeden Tag gehe ich nun zur Laube. Bei jedem Gang dorthin stelle ich mir zwei Fragen. Ist die Puppe noch da oder hat ein Tier den potentiellen Proteinsnack gefunden? Wenn sie noch da ist, hat sie sich verändert?

In den ersten Tagen weiß ich, dass die zweite Frage natürlich noch überflüssig ist, denn mindestens zehn Tage lang wird die Puppe mit sich selbst beschäftigt sein.

In dieser Zeit informiere ich mich darüber, was und wie ich denn das große Schlüpfen aufnehmen kann: Ist ein Echtzeitvideo sinnvoll oder lieber Zeitraffer? Wo steht am Vormittag die Sonne, von wo habe ich also das beste verfügbare Licht oder brauche ich vielleicht Kunstlicht? Ich baue ein Szenario aus zwei Kameras auf Stativen und eine Notfalllichtquelle auf, alles auf die drei hellbraunen Zentimeter an der Laubenwand gerichtet. Dann baue ich alles wieder ab und deponiere es griffbereit in Haustürnähe.

Der große Moment

Ich hatte schon die Befürchtung, dass es vielleicht zu kalt geworden war, da war es nach 17 Tagen dann doch soweit. Die Puppe wurde dunkler. Am nächsten Morgen war sie fast schwarz. Gegen Mittag, ich war auf dem Sprung zu einem Termin, schaute ich nochmal bei der Puppe vorbei und ich sah, was ich mir vorher nur schwer hatte vorstellen können: Die Puppe wurde an einer Stelle tatsächlich durchsichtig! Ich konnte die typische orange-braun-gescheckte Färbung der C-Falter-Flügel erkennen. Das hieß für mich also, dass ich am nächsten Tag sehr früh das „Filmset“ aufbauen und mich bereit halten musste.

Als ich am späten Nachmittag von meinem Termin wieder nach Hause kam, war ich natürlich neugierig, ob die Puppe noch weiter durchsichtig geworden war. Was soll ich sagen, sie war mehr als durchsichtig. Die Puppe war aufgebrochen und der kurz zuvor geschlüpfte C-Falter sass mit zusammen geklappten, aber bereits entfalteten Flügeln auf seiner Puppe und tankte Sonnenwärme! Das ganze Schauspiel hatte also in meiner Abwesenheit stattgefunden!

Auf der Suche nach einem Schuldigen kam ich auf nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Literatur lag falsch und Falter schlüpfen nicht nur am Morgen oder mein Falter hat sich nicht an die Regeln gehalten!
Selbstverständlich habe ich mich zuerst geärgert. Nein, das stimmt nicht ganz. Erst habe ich ein paar Fotos vom Ort des Geschehens und dem C-Falter gemacht. Dann habe ich mich geärgert. Der Ärger hielt aber nicht lange an, denn: In der Biologie gibt es eben keine Gesetze. Man kann sich perfekt vorbereiten und meinen, alles richtig gemacht zu haben, aber die Natur gibt eben den Rhythmus vor. Da können wir noch so viel wollen und uns ärgern und schimpfen. Wir bleiben ihr ausgeliefert und Untertan. Und nicht andersrum, wie es ein bekanntes Buch empfiehlt.

Der geschlüpfte (emergierte) C-Falter sitzt auf seiner jetzt leeren Puppenhülle. Gut zu erkennen: Das weiße, markante und namensgebende "C" auf der Flügelunterseite, sowie die beiden Mekoniumtröpfchen

Der frisch geschlüpfte (emergierte) C-Falter sitzt auf seiner jetzt leeren Puppenhülle. Er pumpt Hämolyphe in die Flügel während sie aushärten.

Gut zu erkennen: Das weiße, für diese Art namensgebende weiße „C“ an der Flügelunterseite, sowie die beiden roten Mekoniumtröpfchen an der Laubenwand.

Lehre ja, Leere nein

Auch wenn ich zum Schluss keine Aufnahmen des Schlüpfens (bzw. wissenschaftlich: der Emergenz) habe, so habe ich doch viel gelernt. Vom Aussehen der Puppe und ihrer Veränderung, Zeiträume und natürlich auch, was eigentlich nach dem Schlüpfen passiert. Die Imago, also der fertige Falter, sondert kurz nach dem Schlüpfen das Mekonium ab, eine rote Flüssigkeit. Das sind die Verdauungsreste, denn als Raupe sind Schmetterlinge in ihrer Fressphase und irgendwas bleibt bei auch noch so hohem Energieverbrauch doch über. Der Falter pumpt Hämolymphe (quasi Insektenblut) in die Flügel, wodurch sie sich entfalten und aushärten.

Solche Beobachtungen kann jeder in seinem Garten oder in der freien Natur machen, man muss nur die Augen aufhalten. Im eigenen Garten besteht dann natürlich die Chance, solche Momente festzuhalten, da man immer nah dran ist und schnell reagieren. Aber manchmal nützt eben auch das nichts. Ich lasse mich dadurch aber nicht entmutigen, sondern sehe es so: Bei der nächsten C-Falter-Puppe habe ich schon das Grundwissen und kann mich dann um noch mehr Details kümmern. Irgendwann werde ich schon zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Nach etwa einer Stunde ging ich nochmal zur Laube und wollte schauen, ob der Falter seine Flügel bereits geöffnet hat, aber da war er bereits weg. Nur eine leere Hülle und zwei rote Tropfen zeugten noch von der Falterwerdung.

Ein C-Falter als Imago

Nicht derselbe, der geschlüpft ist, aber hier noch ein Foto eines C-Falters mit ausgebreiteten Flügeln.

Konntet ihr schon mal eine Faltergeburt beobachten oder ist euch auch schon mal etwas ähnliches passiert? Schreibt mir gerne eure Geschichte in die Kommentare! 

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