Wer kennt es nicht: Die Erkundungstour durch die Natur nähert sich dem Ende. Die Hand sucht schon den Autoschlüssel. Da fällt einem noch etwas ins Auge, man möchte sich das nur noch kurz ansehen und dann beginnt eine Geschichte, die dem Ausflug noch die Kirsche auf die Torte setzt.
Wie kein Parasit zum Parasit werden kann oder: falscher Verdacht am Halm.

Im Feld

Das weiße, papierartige Gebilde an einem der Halme, in dem sich eine Widderchen-Puppe befindet, fällt zwischen dem sonst dünnen, beigen Gras auf. Das wächst hier spärlich, denn Humus kann man die dünne Detritusschicht auf dem Plateau eines aufgegebenen Steinbruchs kaum nennen. Es erinnert eher an eine Mondlandschaft als an einen Lebensraum, auch wenn jetzt alles etwas vitaler aussieht als noch vor wenigen Tagen. Da waren es 35 Grad und mehr hier, bildet die Abbruchkante des Steinbruchs mit seiner halbrunden Form doch eine nach Süden offene Wärmefalle. Heute sind es nur knapp über 20 Grad, manchmal lässt sich die Sonne durch die Wolken blicken.

Gerne nehmen wir die Widderchen-Kinderstube noch fotografisch mit, bevor es langsam auf den Rückweg geht. Doch bei genauem Hinsehen fällt uns auf: da ist ein rundes Loch in der Hülle!

Das Widderchen-Gespinst, man kann die Puppe erahnen

Der pergamentartige Kokon, in dem sich die Raupe des Widderchens verpuppt hat. Das Loch ist gut zu sehen und auch die Puppe kann man erahnen.

Aber warum lässt uns das neugierig werden? Vielleicht hat das Widderchen die schützende Hülle verlassen? Aber dann wäre der Kokon von oben zerrissen gewesen, denn die Puppe „schubbert“ den Kokon oben auf, kommt dann zur Hälfte aus dem Kokon, danach schlüpft der voll entwickelte Falter aus der Puppe. So die Kurzfassung.

Hier muss also etwas anderes passiert sein, zumal sich die Puppe noch in ihrer schützenden Hülle befindet. Wir schauen durch das Loch. Da bewegt sich doch was, aber es ist nicht die Puppe! Ganz im Gegenteil, in der Puppe selbst ist auch ein Loch und darin ist Bewegung!

Wenn die Puppe also ein Loch aufweist und offensichtlich tot ist, dann wurde sie parasitiert und der Parasit ist noch vor Ort?

Das offene Gespinst eines regulär geschlüpften Widderchens

Das nach oben geöffnete Gespinst eines regulär geschlüften Widderchens.

Der improvisierte OP-Saal

Da die Puppe eh tot ist, hier also kein Widderchen mehr zu erwarten ist, welches das Licht der Welt erblicken wird, entscheiden wir uns zur Abnahme und Untersuchung des Objekts. Dazu schneiden wir den Halm samt Kokon ab. Ein flacher Stein (der nicht schwer zu finden war, befinden wir uns doch in einem Steinbruch) bildet unsere Arbeitsfläche, das Smartphone liefert die OP-Beleuchtung. Damit uns hinterher kein Pfusch angehängt werden kann, dokumentieren wir dann und wann mit der Kamera den Fortschritt.

Vorsichtig schieben wir die Puppe aus ihrer weißen Hülle, während wir immer wieder das graue Hinterteil eines kleinen – vermutlich – Insekts in dem Loch der Puppe selbst sehen können. Als wir die Puppe freigelegt haben, legen wir sie hin und klopfen immer wieder leicht dagegen um eine Veränderung zu erwirken von der wir selbst noch nichts wissen, wie sie sich äußern könnte. Zunächst passiert nichts. Da wissen wir noch nicht, dass das Klopfen genau das ist, was der neue Bewohner der Puppe nicht mag.

Die Puppe in ihrem Kokon. Aus dem Loch in der Puppe schaut ein grauer Teil eines Insekts

Die Puppe ist halb aus dem Kokon geschoben und aus der Puppe selbst sieht man dann und wann die grauen Deckflügel eines Käfers (roter Pfeil).

Hartnäckig bleiben!

Alles höfliche Anklopfen bringt erstmal nichts. Dachten wir. Es ist ein bisschen so wie im Hausflur, wenn man bei einem Nachbarn klopft oder klingelt und dieser nicht aufmacht, obwohl er zu Hause ist. Sobald man sich entfernt, siegt beim Nachbarn die Neugier und er kommt doch gucken wer da störte. So auch bei unserem „Nachbarn“: Nachdem wir die Puppenhülle zwecks Fotos ein paar Sekunden in Ruhe gelassen haben, lässt sich der neue Mieter blicken: ein Rüsselkäfer, genauer gesagt ein Gestreifter Blattrandkäfer.

Der Käfer kommt aus der Puppe

Vorsichtig traute sich der Käfer langsam aus seiner Behausung. Aber war er derjenige, der der Puppe übel mitgespielt hatte?

Täterermittlung

Aber ist der kleine, graue Kollege jetzt derjenige, der die Puppe auf dem Gewissen hat? Für uns steht das erstmal so fest, ja. Puppe tot, Käfer da. Ganz einfach.

Oder?

Ich belese mich im Netz: „Alle Rüsselkäfer sind streng herbivor“. Also Pflanzenfresser. Pflanzenfresser parasitieren also keine Puppen von Widderchen. Ich suche erstmal anders herum: Welche Insekten parasitieren Puppen von Widderchen? Da kommen eigentlich nur Schlupf- und Brackwespen sowie Raubfliegen in Frage. Ok.

Irgendwann lande ich bei der Suche wieder bei den Rüsselkäfern und finde heraus, dass diese nachtaktiv sind. Doch nicht nur das, sondern sie suchen sich auch für die Zeit tagsüber Unterschlupf, gerne in Pflanzennähe. Dazu nutzen sie unterschiedliche Verstecke wie Bodenstreu, Pflanzenstiele, Buchtungen, Vertiefungen und und und. Warum also nicht auch eine leere Puppe? Vermutlich hat er dort einfach nur den Tag überdauert und unser hartnäckiges Klopfen hat ihn heraus bewegt. Wie den Nachbarn im Treppenhaus.

Wer die Widderchen-Puppe letztendlich auf dem Gewissen hat werden wir wohl nie erfahren, dabei hätte es sogar sein können, dass die entsprechende Larve auch noch in der Puppe war. Der kleine gestreifte Kollege hier war es jedenfalls nicht.

Der Käfer von der Seite. Im Hintergrund kann man noch die Puppe erahnen

Man sollte nie vorschnell urteilen. Der kleine Kumpel hier hatte nichts mit der Sache zu tun.

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