Im März 2026 habe ich auf mehreren Routen bei der Rebhuhn-Kartierung geholfen. Warum das Erfassen der Rebhuhnbestände wichtig ist, wie das funktioniert und ob es Erfolgserlebnisse gab, könnt ihr hier lesen.
Und Spoiler: Nein, das Rebhuhn hat sich natürlich nicht verdächtig gemacht, aber der Begriff des „Rebhuhn-Verhörens“ lud natürlich zu dieser Überschrift ein. Das Verhören ist die Methode zum Kartieren.
Wichtig: Ich habe zum ersten Mal beim Kartieren geholfen. Ich bin kein Profi. Ich erzähle nur von meinen Erlebnissen und den Erklärungen der Wissenden aus meinem Gedächtnis. Deshalb seht es mir nach, wenn hier nicht alles wissenschaftlich korrekt sein sollte: Ich gebe mir größte Mühe, möchte aber vor allem dazu anregen, selbst aktiv zu werden.
Viel Gegend
Es ist Anfang März, 18:00 Uhr an einem Donnerstag. Die Luft ist kühl, aber sehr angenehm, für März war es ein milder Tag mit viel Sonne. Ich warte an einer Straßenecke am abschüssigen Stadtrand: Links von mir die letzten uniformen Häuser einer Neubausiedlung bergauf, rechts die im Bau befindliche Straße bergab, welche noch Anschluss zur neuen Wohngegend sucht. Vor mir beginnt ein Feldweg, der bald durch ein lichtes kleines Wäldchen führt und danach in die offenen Felder, auf denen das erste Grün sprießt.
Während ich auf meinen beiden Mitkartierer warte, frage ich mich: „Und hier, in unmittelbarer Nähe zur Siedlung, soll es die seltenen Rebhühner geben? Wie lebt denn so ein Huhn eigentlich?“
Kleiner Steckbrief: Das Rebhuhn (Perdix perdix)
Das Rebhuhn ist ein etwa 30 Zentimeter großer Hühnervogel aus der Familie der Glatt- und Rauhfusshühner und weist einen kompakten Körper auf. Zeigen sich die Tiere im Jugendkleid eher ocker bis braun, erscheinen die erwachsenen Tiere grau-braun mit orange-braunem Gesicht und Kehle, sowie den charakterischen rostroten Stellen am Schwanz. Weibchen und Männchen unterscheiden sich nur für den geübten Beobachter. Typischerweise laufen die Vögel dicht zusammen umher und fliegen immer mal kurz auf. Sie leben und brüten in der Feldflur und auf Brachflächen mit Knicks und Hecken, was auch gleichzeitig ihr Problem darstellt: Diese Strukturen findet man aufgrund intensiver Landwirtschaft immer weniger. Laut Dachverband Deutscher Avifaunisten e.V. (DDA) beträgt der Rückgang europaweit seit den 1980er Jahren ca. 92%, weshalb das Rebhuhn nach EU-Vogelschutzrichtlinie als „besonders geschützte Art“ geführt wird.
Drei Rebhühner in Graslandschaft. Foto: Hanna Nebel
Graslandschaft, Feldweg, Heckensträucher: Hier kann es sich lohnen zu kartieren. Foto: Jens Hagenberg
Ich bin das erste Mal beim Kartieren dabei und gespannt, was uns erwartet und ob wir ein Rebhuhn antreffen. Wir, das sind Hanna, eine Biodiversitätsstudentin, Ulf und ich. Wir kennen uns durch unser Engagement im gleichen Verein. Irgendwann kam es dazu, dass Hanna uns gefragt hat, ob wir uns nicht vorstellen könnten, bei der Rebhuhn-Kartierung zu helfen. Spontane Reaktion: Klar, warum nicht! Zweite Reaktion: Was macht man da eigentlich?
Rebhuhn-Kartierung - Worum geht´s?
Das Kartieren von Rebühnern dient zur Bestands- und Verbreitungsdokumentation des hierzulande selten gewordenen Hühnervogels. Dabei geht man vorher definierte Strecken ab und notiert die Rebhuhn-Begegnungen entweder auf einer physischen Karte oder in einer App. Ziel ist es, Gebiete mit Vorkommen durch entsprechende Landschaftpflege zu erhalten und neue Vorkommen aufzuspüren. Dadurch sollen langfristig Populationen stabilisiert und aufgebaut werden.
Viel braucht es nicht zum Kartieren: Ein Klemmbrett mit der Karte des Transekts, einen Bleistift (der schreibt auch bei feuchtem Wetter), ein Smartphone mit der Datei des Rebhuhnrufs und einen Bluetoothlautsprecher. Eine Stirnlampe kann auch nützlich sein für die Notizen auf der Karte in der Dunkelheit, jedes Smartphone hat aber auch eine eingebaute Leuchte/Blitz. Wer komplett digital arbeitet kann auf Klemmbrett und Stift verzichten. Das setzt aber voraus, dass man auf der Strecke auch Empfang hat. Foto: Jens Hagenberg
Warum gerade das Rebhuhn?
Für die meisten von uns stellt sich diese Frage natürlich erst gar nicht. Alle Tiere, Pflanzen und Pilze sind schützenswert, gehören in unsere Umgebung und sollten entsprechend günstige Lebensbedingungen vorfinden. Wie oben schon im „Steckbrief Rebhuhn“ geschrieben, ist das Rebhuhn stark gefährdet und benötigt besonderen Schutz.
Müssen Menschen davon überzeugt werden, weil zum Beispiel finanzielle Einbußen durch weniger Agrarflächen mit dem Schutz der Tiere einhergehen würden, dann müssen Argumente her. Der Schutz des Rebhuhns als sehr sensible Art nimmt hier auch eine Stellvertreterfunktion ein: Schütze ich das Rebhuhn, so erhalte ich gleichzeitig Lebensraum für unzählige weitere Arten, denn wo das Rebhuhn sich wohlfühlt, mögen es andere schon lange. Dazu zählen vor allem Insekten, andere Vögel und Niederwild wie z.B. Feldhasen. Man schlägt also mehrere Fliegen mit einer…. ok, unpassendes Sprichwort, gebe ich zu. Intakte Ökosysteme helfen nicht zuletzt auch dem Menschen, denn so fressen z.B. Jungvögel verschiedenste Insekten, so auch Schädlinge. Nicht zuletzt gehörte das Rebhuhn vor 1970 zum alltäglichen Bild unserer Feldflur und somit auch in unsere Natur und Umwelt.
Wenn ich das Rebhuhn nun doch auf den Flächen intensiver Landwirtschaft finde, dann ist doch eigentlich alles gut? Eben nicht. Die Rebhühner können dort vorkommen, werden sich dort aber nicht lange aufhalten oder brüten, denn die Bodenbearbeitung, Düngen oder spätestens die erste Mahd wird sie in die Flucht schlagen.
Jetzt aber raus ins Feld!
Hanna und Ulf treffen ein und Hanna erklärt: „Wir gehen jetzt das Transekt, also den zu kartierenden Abschnitt, bis zum Ende ab solange es hell ist. So lernen wir die Strecke kennen und können uns schon mal markante Punkte wie Bäume oder Hecken merken, das hilft uns dann im Dunkeln. Kartiert wird dann also auf dem Rückweg. Ein Transekt ist immer nur so lang, dass wir ihn in der halben Stunde die wir haben, gut schaffen können, also ca. ein Kilometer.“
So machen wir uns auf den Weg und Hanna erklärt währenddessen, dass sie eine Karte mit der Strecke ausgedruckt hat und dort alle 150 – 200 Meter ein Verhörpunkt markiert ist. Verhört wird mit einer bestimmten mp3-Datei, die den Ruf des Rebhuhns wiedergibt und zwar vom weiblichen und männlichen Tier. Die mp3-Datei wird mit dem Smartphone über einen Bluetooth-Lautsprecher abgespielt, denn der Ruf muß so laut sein, dass er noch 200 Meter weit gut zu hören ist. „Die Klangattrappe müssen wir an jedem Punkt 30 Sekunden abspielen und in jede Richtung halten, danach heisst es ruhig sein und ebenfalls 30 Sekunden lauschen“, so Hanna, „bekommen wir keine Antwort, dann wiederholen wir den Ruf, lauschen wieder und dann gehen wir zum nächsten Punkt. Hören wir etwas, dann versuchen wir den Ruf möglichst genau zu verorten. Das notieren wir dann auf der Karte“. „Ich habe auch meine Wärmebildkamera mit“, merkt Ulf an und zeigt ein Gerät vom Format einer Taschenlampe. Wir ahnen nicht, dass wir sie schon in wenigen Minuten gut gebrauchen können.
Success!
Am Startpunkt angelangt warten wir minutengenau auf den Sonnenuntergang, den jede Wetter-App angibt. Dann startet die eigentliche Rebhuhn-Kartierung: Hanna spielt über die Bluetooth-Box den Ruf einmal Rundum ab: rep-rep-rep-Kireek-kireek-kireek. Nachdem es wieder ruhig ist hören wir gespannt in die Dämmerung. Nichts. Doch. Kraniche. Hubschrauber. Autos. Wind. Hanna spielt den Ton wieder ab. Wir müssen uns schon konzentrieren um uns – Achtung! – nicht zu „verhören“. Denn auch das kann bei der Rebhuhn-Verhörung passieren, dass man doch einfach zu gerne ein Rebhuhn hören möchte wo gar keines ist.
Wir gehen los. Erster Haltepunkt nach 150 Metern: Klangattrappe. Hören. Nichts. Klangattrappe. Hören. Nichts. Weiter geht´s.
Haltepunkt Nummer Zwei: Wir spielen die Klangattrappe ab und horchen. Plötzlich hören wir es von schräg rechts-vorne: Kireek-kireek-kireek. Natürlich viel leiser als aus dem Lautsprecher aber trotzdem deutlich wahrnehmbar. Hören wir gerade ein Rebhuhn? Mit der Wärmebildkamera sucht Ulf das Feld bergauf ab und erkennt unterhalb von zwei Feldhasen einen kleinen weißen Punkt, der sich auch recht zügig im Zick-zack in unsere Richtung bewegt. Dann einen zweiten! Hanna bestätigt: zwei Rebhähne! Es ist dunkel und wir können nichts mehr sehen, aber wir stehen wohl alle mit offenem Mund und erstaunten wie begeisterten Gesichtern auf dem Feldweg und können unser Glück kaum fassen. Die erste Strecke und nach 5 Minuten direkt Erfolg!
Etwa in der Bildmitte ist der helle Punkt gut zu erkennen. Live hat sich dieser Punkt wie für ein Rebhuhn charakteristisch bewegt und zwar auf uns zu. Denn durch die Klangattrappe denkt das Tier, wir sind Artgenossen. Foto: Hanna Nebel
Die original Rebhuhn-Antwort
Hier die originale Rebhuhn-Antwort als Audio. Aufnahme: Jens Hagenberg
Vorsicht: Windgeräusche! Dennoch ist das Rebhuhn sehr leise und evtl. nur durch Anpassung der Lautstärke zu hören.
Hanna notiert auf der Karte Fundort und Anzahl der Tiere. Dann gehen wir weiter. Wir werden noch eine Weile vom Ruf der Rebhühner begleitet, sie folgen uns also noch ein Stück.
So gehen wir Punkt für Punkt ab und achten ab jetzt drauf, dass wir die uns folgenden Tiere nicht doppelt zählen. Der frühe Erfolg hat uns natürlich leicht euphorisiert, doch diese ersten Funde sollten auch die einzigen für heute bleiben.
Ergebnisse
Die Ergebnisse des Abends hat Hanna dann von der Karte in die App iNaturalist übertragen. Da das alle KartiererInnen so machen, fließen dort alle Daten aller Kartierungen zusammen und können aufbereitet und ausgewertet werden. Aber von wem eigentlich?
Ich habe unten die Seite des Bundesprogramms Biologische Vielfalt „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern“ verlinkt, dort findet ihr alle Informationen zur Administration des Projekts.
Erste Informationen lassen wohl erkennen, dass 2026 sehr viel weniger Rebhühner nachwiesen werden konnten als in den Jahren davor. Möglicherweise spielt auch der vergleichsweise lange Winter eine Rolle, aber genau für solche Erkenntnisse werden diese Daten erhoben.
Mach mit!
Das „Verhören“ von Rebhühnern ist nicht kompliziert, hilft und macht Freude. Kurzum: Jede/r kann bei der Rebhuhn-Kartierung helfen und es werden auch immer Helfer gesucht, u.a. auch, um neue Strecken zu finden und abzugehen. Was man mitbringen sollte: Ein gutes Gehör, keine Angst im Dunkeln und eine warme Jacke, denn im März kann es abends durchaus frisch sein, dafür hat man die Gewissheit, dass die Aktion vom Start bis zum Ende maximal eine Stunde dauert.
Aber wird denn auch bei mir kartiert? Nicht immer möchte man gleich in einen Naturschutzverein eintreten und sich dadurch binden, auch wenn das den Vereinen natürlich eine gewisse Sicherheit gibt. Man kann dort aber meist auch helfen, ohne gleich Mitglied zu werden. Deshalb mein Tipp: fragt genau dort mal nach oder sucht im Netz nach eurem Wohnort und dem Stichwort „Rebhuhn-Kartierung“. Über die Projektseite, die ich euch unten verlinkt habe, gelangt ihr ebenfalls zu einer Deutschlandkarte mit den Projektteilnehmern.
Hier sind wichtige Links:
Projektseite des Bundesprogramms „Biologische Vielfalt“: Rebhuhn retten – Vielfalt fördern
Projektseite der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen e.V. und der Abteilung Naturschutzbiologie der Georg-August-Universität Göttingen: rebhuhnschutzprojekt.de
Projektliste des Deutschen Verband zur Landschaftspflege: Projektliste
Projektseite des Dachverbands Deutscher Avifaunisten e.V.: hier


